Arkivet, Thorvaldsens Museum

Welch Freudige Ueberraschung - Zu Bertel Thorvaldsens Besuch in Leipzig

  • Andreas Priever, arkivet.thorvaldsensmuseum.dk, 1997
  • Dette er en genudgivelse af artiklen: Andreas Priever: ‘“Welch Freudige Ueberraschung” – Zu Bertel Thorvaldsens Besuch in Leipzig’, in: Meddelelser fra Thorvaldsens Museum’ 1997, p. 163-172.
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Thorvaldsen und die deutsche Künstlerkolonie in Italien

“22. Juni. Welch freudige Ueberraschung: Thorwaldsen, den ich schon in München glaubte, ist einige Zeit bei Major Serre in Maxen gewesen und gestern Abend hier [in Leipzig] eingetroffen.” Als der Leipziger Verleger Heinrich Brockhaus (1804-1874) diese Zeilen im Jahr 1841 zu Papier brachte, war der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen fur ihn längst kein Unbekannter mehr.
Brockhaus hatte erstmals 1834 Italien bereist und war in Rom mehrfach mit Angehörigen der deutschen Künstlerkolonie zusammengetroffen. Neben Malern wie Joseph Anton Koch, Johann Christian Reinhart – “ein origineller alter Mann, aber kräftig und gesund” – oder Peter Cornelius, den er am 13. März 1834 in Begleitung des schwäbischen Bildhauers Johann Wilhelm Braun und des Kunsthändlers Carl Gustav Börner (1790-1855) aus Leipzig besucht hat, lernte er auch Thorvaldsen kennen. Am 16. März kam es zu einer ersten Begegnung in dem von Schülern und Besuchern belagerten Atelier des Dänen, und Brockhaus dürfte überrascht gewesen sein, bei dieser Gelegenheit zwei weitere Bildungsreisende aus Leipzig anzutreffen, den Juristen und Philosophen Christian August Heinrich Clodius (1772-1836) sowie den Kaufmann, Maler- und Bildhauerdilettanten, Dichter und Goethe-Verehrer Wilhelm Christoph Leonhard Gerhard (1780-1858), auf den später noch zurückzukommen sein wird. Brockhaus zufolge führte Thorvaldsen die kleine Gruppe bereitwillig herum und zeigte mit großer Freude seine Arbeiten. Die an der Piazza Barberini gelegenen Ateliers, ein beliebtes Ziel deutscher Italienpilger und bildungsbeflissener Besucher der Stadt Rom, beherbergten zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige Werke. Brockhaus bemerkte in der Wohnung vor allem Abgüsse sowie einzelne Tonmodelle, darunter einige kleinere Basreliefs, denen seine besondere Aufmerksamkeit galt. Nach Leipzig zurückgekehrt, ist dann die Kunst Bertel Thorvaldsens mehrfach Gesprächsthema. Anläßlich einer Zusammenkunft mit dem Kunstauktionator Rudolph Weigel (1804-1867) und C. G. Börner im September 1835 begutachteten die zwei Jahre später maßgeblich an der Gründung des Leipziger Kunstvereins beteiligten Kunstfreunde “mit reger Theilnahme” die teilweise nach Zeichnungen Friedrich Johann Overbecks ausgeführten, von Ludwig Schorn mit Erläuterungen versehenen Kupferstiche Samuel Amslers nach der 1818 in Auftrag gegebenen Marmorausführung des Alexanderfrieses für Schloss Christiansborg in Kopenhagen. Heinrich Brockhaus war begeistert: “Es haben hier schöne Kräfte zusammengewirkt und so ist ein schönes Ganzes entstanden [...] Thorwaldsen zeigt sich in dem Alexanderzug als der größte moderne Künstler; keiner hat ihn in Phantasie und Ausführung erreicht. Wie schön war es, als Thorwaldsen in Rom mir selbst den Entwurf des Alexanderzugs erläuterte.”

Thorvaldsen’s Reise durch Deutschland

Erst vor diesem Hintergrund wird die leidenschaftliche Anteilnahme verständlich, mit der Brockhaus in seinen Tagebüchern über den nur kurzen Aufenthalt Thorvaldsens in Leipzig berichtet – ein Aufenthalt, der, so könnte es die eher beiläufige Erwähnung einer Zusammenkunft mit Felix Mendelssohn Bartholdy und eines abendlichen Festessens in der 1852/56 in Leipzig in deutscher Übersetzung erschienenen Thorvaldsen-Biographie des Just Mathias Thiele zunächst vermuten lassen, für den Künstler selbst nur eine mehr oder weniger unbedeutende Station gewesen ist. Auch Ludwig Schorn, der in seinem Kunstblatt verschiedentlich über einzelne Stationen der einem Triumphzug ähnelnden Reise durch Deutschland berichtet, wird gewiss nicht zuerst an Leipzig, sondern an Städte wie Berlin und München gedacht haben, als er im August 1841 notierte: “Thorwaldsen’s Reise durch Deutschland wird in den Annalen der Kunstgeschichte eine bleibende Stelle erhalten. Der Enthusiasmus, welchen seine Anwesenheit in allen größern Städten, die er berührte, und zumal in denjenigen erregte, welche durch öffentliche Monumente seiner Hand geschmückt sind, bereitete ihm einen Empfang und Festlichkeiten, wie sie sonst nur Fürsten in ihrem eigenen Lande zu Theil werden.” In der Tat war in Leipzig nicht vorhanden, was in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Ruhm Bertel Thorvaldsens in Städten wie Berlin, Dresden, Mainz oder Stuttgart ausmachte: große repräsentative Arbeiten im öffentlichen Raum oder in den Kabinetten der Aristokratie. Dennoch wurde der dänische Bildhauer, wie die Ausführungen Brockhaus’ sowie verschiedene andere Indizien zeigen, in Leipzig hoch geschätzt und genoß in einem kleinen Kreis wohlhabender bürgerlicher Kunstkenner großes Ansehen. Hans Schulz und Adolf Weigel haben zuletzt im Jahre 1916 in einem schmalen Band mit dem Titel Thorwaldsen in Dresden und Leipzig – 1841 kommentarlos aus Heinrich Brockhaus’ Tagebüchern zitiert und seine Nachrichten den Reiseaufzeichnungen der Baronin Christine Stampe gegen- übergestellt. Dabei war auf Quellenangaben weitgehend verzichtet und nicht der Versuch unternommen worden, alle überlieferten Einzelheiten zu einem Gesamtbild zusammmenzufügen und mit Blick auf die Rezeption Thorvaldsens in Kreisen Leipziger Sammler und Kunstliebhaber auszuwerten.

Anfang 1841 trat Thorvaldsen, der im September 1838 im Alter von 67 Jahren nach Kopenhagen zurückgekehrt war, die letzte Reise in seine Wahlheimat Rom an. Anlaß für die strapaziöse Reise war offenbar der Wunsch, einige liegengebliebene Arbeiten zum Abschluß zu bringen. Mit der Reisekutsche der Stampes ging die Fahrt durch Mecklenburg nach Berlin und führte über Dresden, Leipzig, Weimar und Frankfurt nach Mainz. Als weitere Stationen folgten schließlich Stuttgart und München. Den Entschluß, der Stadt Leipzig einen Besuch abzustatten, faßte Thorvaldsen offenbar kurzfristig. Verschiedene Grunde mögen dabei eine Rolle gespielt haben, vielleicht sogar der schließlich in die Tat umgesetzte Wunsch, von Dresden aus mit der 1837/39 auf spektakuläre Weise in Betrieb genommenen Dampf-Eisenbahn in die Messestadt zu reisen. Ausschlaggebend wird indes die Bekanntschaft mit dem begeistert umjubelten Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy gewesen sein, der seit dem 4. Oktober 1835 das Amt des Gewandhaus-Kapellmeisters innehatte.

Mendelssohn und Thorvaldsen

Beide waren einander 1830/31 mehrfach in Rom begegnet. Über ihre freundschaftlichen Kontakte unterrichten eine Reihe von Briefen Mendelssohn Bartholdys an seinen Vater und seine Familie. Erwähnung findet dabei nicht nur eine Tonskizze des Lord Byron, die Mendelssohn mit Begeisterung wür- digt und an der er “die natürliche Bewegung” schätzte, “wie sie in allen seinen [Thorvaldsens] Statuen so wunderbar ist.” Auch der Alexanderzug kommt zur Sprache, und so heißt es am 1. März 1831 in einem Brief an die Familie: “Vom ‘Alexanderzug’ müßt’ ich einmal einen ganzen Brief schreiben [...]. Ich gehe alle Wochen hin und sehe mir nur Das an und ziehe mit ein in Babylon.” Schließlich hat Mendelssohn Bartholdy, der übrigens ein Gipsmodell zu Thorvaldsens Statue Merkur als Argustöter sein eigen nannte, während seines Aufenthaltes in der Ewigen Stadt mehrfach in der Wohnung des Bildhauers in der Via Sistina musiziert: “Ihr wißt wie Thorwaldsen die Musik liebt, und da spiele ich ihm des Morgens zuweilen vor, während er arbeitet. Er hat ein recht gutes Instrument bei sich stehen, und wenn ich mir dazu den alten Herrn ansehe, wie er an seinem braunen Thon knetet, und den Arm, oder ein Gewand so fein ausglättet, – kurz wenn er das schafft, was wir alle nachher als fertig und dauernd bewundern müssen, so freut mich’s sehr, daß ich ihm ein Vergnügen bereiten kann.”

Es überrascht daher nicht zu erfahren, dass Thorvaldsen noch am Abend seiner Ankunft in der Messestadt am 21. Juni 1841 in Begleitung der Baronesse Christine Stampe den Komponisten aufgesucht hat. Obwohl ursprünglich wohl geplant war, schon am nächsten Morgen abzureisen, erschien Mendelssohn Bartholdy in aller Frühe seinerseits im Quartier des Bildhauers, um diesem eine Serenade und ein Lied darzubringen. Abgestiegen war die Reisegesellschaft, der zu diesem Zeitpunkt noch der mit Thorvaldsen befreundete norwegische Maler und Dresdner Akademieprofessor Johan Christian Clausen Dahl, dessen Kinder sowie die Familie Serre angehörten, im Hotel Stadt Hamburg in der Nikolaistraße. Der von Stadtrat Dr. Seeburg angeführten Delegation, die den prominenten Gast und seine Begleiter im Anschluß an den musikalischen Vortrag Mendelssohns einlud, noch zu bleiben, wird auch Heinrich Brockhaus angehört haben. Fällt der Bericht der Baronesse Stampe, was die weiteren Ereignisse anbelangt, eher unscharf aus – “Nu førte man os om i Byen for at see Mærkværdighederne-,” so sind es seine Nachrichten, die sich als willkommene Ergänzung erweisen. Begleitet von der Abordnung Leipziger Burger und in Gesellschaft des Verlegers Brockhaus besuchte Thorvaldsen zunächst die Gemäldegalerie des Kaufmanns Adolf Heinrich Schletter (1793-1853).

Christian (8.) Frederik
Abb. 99. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Bildnis Kronprinz Christian Frederik, 1821. Marmor. Museum der bildenden Künste Leipzig. Inv. Nr. P 81.

Zusammen mit der Gemäldesammlung Maximilian Speck von Sternburgs in Lützschena und derjenigen des Hofrats Keil in Leipzig gehörte die im Zuge eines längeren Aufenthaltes in Paris, der Schweiz und den Niederlanden zusammengetragene Galerie in Kreisen der Kunstkenner fraglos zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt. Im Januar 1841, also nur wenige Monate vor Thorvaldsens Ankunft, war in Ludwig Schorns Kunstblatt eine kurze, aber ein- prägsame Würdigung der “Schletter’schen Galerie” erschienen, die kaum bekannt ist und hier zitiert sei, überliefert sie doch eine der ersten Beschreibungen der Sammlung überhaupt, war Thorvaldsen möglicherweise vertraut und könnte so bereits vorab sein Interesse geweckt haben: “Unter den schon länger bestehenden Gemäldesammlungen hiesiger Privatpersonen nimmt die erst seit einigen Jahren gegründete des Hrn. Heinrich Schletter schon einen bedeutenden Rang ein. Ein höchst elegant und zweckmäβig eingerichtetes Local enthält Gemälde älterer und neuerer Meister, als Perugino, Andrea del Sarto, Ribera, Murillo, Netscher, Girodet, Biard, H. Vernet, Poitevin, Zeller, Odier, Destouches, Sohn, Scheuren, Achenbach, Winterhalter etc., ferner treffliche Kopien ausgezeichneter Werke, z.B. der Schnitter von L[eopold] Robert. Auch plastische Kunstwerke findet man, worunter eine in Marmor ausgeführte Kopie der bekannnten Statue der Jeanne d’Arc von der Prinzessin Maria von Orleans besondere Aufmerksamkeit erregt.”

Die Kunstsammlungen in Leipzig

Thorvaldsens Reaktion auf die im Hause Schletters in der Petersstraβe versammelten Gemälde und Skulpturen, die 1853 im Zuge einer Stiftung zum gröβten Teil in das Städtische Museum, das heutige Museum der bildenden Künste, gelangten, ist nicht überliefert. Dennoch fällt es nicht schwer sich vorzustellen, daβ er mit groβem Interesse Gemälde wie das des Horace Vernet betrachtet haben wird, verband ihn doch mit dem Direktor der französischen Akademie in Rom, der ihn 1833 zusammmen mit der von ihm selbst geschaffenen Vernet-Büste (Kopenhagen, Thorvaldsens Museum) porträtiert hatte, eine enge Freundschaft. Schletter mag seinerseits die Gunst der Stunde genutzt haben, sich als stolzer Besitzer jener Marmorbüste des Kronprinzen Christian Frederik von Thorvaldsen (Abb. 99) zu erkennen zu geben, die wenig später mit seiner Stiftung in den Besitz des Leipziger Museums gelangte. Da vieles dafür spricht, daβ dieses Werk sich im Juni 1841 schon in Leipzig befand, läβt sich durchaus rekonstruieren, worüber beide Männer im Verlauf ihrer kurzen Begegnung gesprochen haben mögen, denn es kann kein Zweifel bestehen, daβ Schletter die Porträt-Büste des dänischen Kronprinzen, von der bislang nicht bekannt war, wie sie in seinen Besitz gelangte, aus der im Februar 1839 in Paris zur Versteigerung gelangten Kollektion des italienischen Grafen Giovanni Battista Sommariva erworben hat, jenes berühmten Mäzens und Kunstsammlers, der 1817/18 in Rom mit Thorvaldsen zusammengetroffen war und bei diesem seine Buste sowie den Alexanderfries für seine Villa Carlotta am Comer See in Auftrag gegeben hatte. Daβ es sich nun bei der Leipziger Fassung der Marmorbuste in der Tat um das Exemplar handelt, das 1822 in Paris zusammen mit dem als Pendant konzipierten Bildnis der Prinzessin Caroline Amalie von Sommariva selbst als Geschenk des dänischen Kronprinzen, dem Auftraggeber beider Werke, in Empfang genommen worden war, belegen mehrere, aus dem Besitz Schletters stammende Gemälde, die, sofern sie nicht im Zweiten Weltkrieg verloren gingen, noch heute dem Leipziger Museum gehören und deren Provenienz sich überraschenderweise ebenfalls bis in die Pariser Sammlung des sagenumwobenen Conte zurückverfolgen läβt.

Erwähnt sei an dieser Stelle lediglich das im Versteigerungskatalog aufgeführte und dort ausführlich gewürdigte Gemälde Apollo und Cyparissus (Abb. 100) des heute mehr oder weniger in Vergessenheit geratenen französischen Malers Jean Pierre Granger (1779-1840) – ein Meisterwerk der Malerei des französischen Klassizismus, dessen Ausstrahlung in besonderem Maβe dem Geschmack Sommarivas entsprochen haben muβ, hegte dieser doch eine stark ausgeprägte Vorliebe für erotische Themen im Gewand mythologischer Darstellungen. Im Jahre 1817, nur ein Jahr nach seiner Entstehung, war dieses einst berühmte und vielbeachtete Werk aus einer Salon-Ausstellung heraus von Giovanni Battista Sommariva angekauft worden. Ebenso wie Thorvaldsens Büste des Christian Frederik gelangte das groβe Gemälde über den Kunsthändler und Experten Charles Paillet, der im Verlauf der Auktion zahlreiche Kunstwerke erworben hat, in den Besitz Adolf Heinrich Schletters und mit dessen Stiftung schlieβlich in das Leipziger Museum. Doch zurück zu Thorvaldsen und seinem Besuch in Leipzig.

Im Anschluβ an die Begutachtung der in der Aula der Leipziger Universität aufgestellten Basreliefs des Dresdner Hofbildhauers Ernst Friedrich August Rietschel – dargestellt waren die Hauptepochen der Kulturgeschichte – fand sich die Gesellschaft in der Druckerei F. A. Brockhaus ein, wo Thorvaldsen und seine Begleiter groβes Interesse an den Druckpressen und Maschinen zeigten und sich eifrig nach allen Details erkundigten. Unter dem Titel Leben und Werke des dänischen Bildhauers Bertel Thorwaldsen war hier mit der Biographie des dänischen Schriftstellers und Sekretärs der Kopenhagender Kunstakademie Just Mathias Thiele zwischen 1832 und 1834 eine Darstellung erschienen, die in der Forschung nach wie vor zu den wichtigsten Quellen gehört. Als Gastgeschenk mag sie zum Reisegepäck von Heinrich Brockhaus gehört haben, als dieser im März 1834 den Bildhauer in Rom aufgesucht hat.

Auf dem Programm stand ferner ein Besuch des weit über die Stadtgrenzen Leipzigs hinaus bekannten Gerhardschen Gartens. Sein Besitzer, der eingangs erwähnte Künstler, Dichter, Kaufmann und Legationsrat Wilhelm Gerhard war seit 1827 Eigentümer des 1740 von den Brüdern Zacharias und Christoph Richter “theils nach englischem, teils nach holländischem Geschmacke” angelegten Gartens. Von Carl Ramshorn im Jahr 1841 als “paradiesische Anlage” gepriesen, beherbergte die in den Wirren der Völkerschlacht stark in Mitleidenschaft gezogene, später parzellierte und zu Beginn des 20. Jahrhunderts schlieβlich ganz aufgelöste Gartenanlage einst “Bäder, Treibhäuser, Pavilions, Volièren, Nischen, treffliche Bildsäulen, [...] Teiche, üppig blühende Blumenbeete” wie auch den vielbewunderten Japanischen Pavilion und das von Adam Friedrich Oeser ausgemalte Wohnhaus des Besitzers. Zahlreiche namhafte Persönlichkeiten, Dichter, Maler, Architekten und Musiker, Schauspieler und Gelehrte waren hier im Lauf der Zeit als Gäste begrüβt worden, und noch heute legen die im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig aufbewahrten Erinnerungsbücher des Gerhardschen Gartens aus den Jahren 1827 bis 1879 eindrucksvoll Zeugnis ab von der einstmaligen Anziehungskraft des Ortes. Auch Thorvaldsen und seine Begleiter haben es nicht versäumt, sich in das Liber hospitum (Abb. 101) einzutragen. Für Wilhelm Gerhard muβ der Besuch des dänischen Bildhauers ein in jeder Hinsicht besonderes Ereignis gewesen sein, und auch in seinem Fall ist ein kurzer Rückblick aufschluβreich.

Gerhard und die Reiterstatue Poniatowski

Gerhards erste Begegnung mit Bertel Thorvaldsen hatte am 16. März 1834 in Rom stattgefunden, wo er im Zuge seiner Italienreise Station machte und auf den Spuren Goethes wandelnd, die antiken Denkmäler studierte und die wichtigsten Kirchen, Kunst- sammlungen, Museen und Gärten der Stadt erkundete. Offenbar an Ort und Stelle niedergeschriebene Tagebuchaufzeichnungen belegen sein lebhaftes Interesse am zeitgenössischen Kunstgeschehen, vor allem an der Arbeit Bertel Thorvaldsens, den er am 25. März ein zweites Mal aufsuchte und der sogar noch während eines Besuchs im Atelier des Malers Horace Vernet am selben Tag Gesprächsstoff bot. Gerhard war hier nämlich auf eine kleine Skizze gestoβen, “die eine Straβe von Algier mit Kramläden darstellt, und Thorwaldsen wie er im Hemd an einem Marmorblock lehnend eben den Meiβel in der Hand, von der Arbeit ruht, geistvoll gedachtes und sprechendes Porträt.” Wie so oft nutzte Gerhard die Gelegenheit zu einem gelehrten Gedankenaustausch über die zeitgenössische Kunst. Zur Sprache kam in diesem Zusammenhang ganz offensichtlich auch der von Jean Pierre Marie Jazet gestochene, vielerorts bekannte Tod des Fürsten Poniatowski Vernets, denn Gerhard weiβ nicht ohne Stolz zu berichten, daβ der französische Maler sich bei diesem Bild daran erinnert habe, daβ der Schauplatz des Geschehens “unrichtig gewesen” sei, “später habe er aber ein zweites gemalt, auf welchem mein japanisches Häuschen mit zu sehen ist.”

Am 28. März schlieβlich hat der kunstsinnige Leipziger dem dänischen Bildhauer noch ein weiteres Mal einen Besuch in der Casa Buti abgestattet, und wiederum ist aus seinem Tagebuch manch auf- schluβreiche Einzelheit zu erfahren: “Ueber Alles interessant war ein Besuch bei Thorwaldsen. Ich traf ihn, wie ich gewünscht, allein. Er öffnete mir selbst und ich muβte Platz neben ihm auf dem Sofa nehmen. Wir sprachen viel über Kunst. [...]. Wir kamen auf die Abwege die groβe Künstler gethan, wenn sie von verschwimmenden Konturen zu den eckichten scharfen übergingen, ehe sie das wahre juste milieu der Kunst gefunden. Eine Madonnna von Cornelius zeigte er mir zum Beleg. Erklärend stand er nun vor dem schöngedachten Basrelief seiner im Triumphe dahin fahrenden Nemesis, die voller Allegorien ist, welche er mit einzelnen Worten beschreiben will wie es die Alten auch oft gethan [...]. Zuletzt rückte ich mit dem Wunsch heraus eine Copie seiner Reiterstatue Poniatowsky im kleinen für einen Tempel meines Gartens zu besitzen. Er schlug die lebensgroβe vor und erbot dem Kopfe die gröβte Aehnlichkeit zu geben. Aber ich bat ihn um die kleine Skizze. Er führte mich eine Treppe herab wo mehrere Gypsarbeiten aufgestellt, dabey zwey bozetti jener Statue auf zweyerley Weise gedacht. Ich sagte jede soll mir ein werthes Andenken sein, es pressire je- doch nicht und wenn er sie mir [...] durch seinen Antonio reinigen lassen so würde Hr. Consul Soell oder Hr. Kolb gern Verpackung und Versand besorgen bis ich von Neapel wiederkäme. Er war dies zufrieden und sagte mir beim Abschied die Hand drückend, was ich sonst wünschte, sollte ich ihm nur sagen.

Poniatowski, skitse 1826, Leipzig
Abb. 102. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Plastischer Entwurf der Reiterstatue des Fürsten Józef Poniatowski,
um 1824-26. Gips. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (z.Zt. nicht auffindbar).

Udkast til Poniatowski-statuen, 1826
Abb. 103. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Plastischer Entwurf der Reiterstatue des Fürsten Józef Poniatowski,
um 1824-26. Gips. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (z.Zt. nicht auffindbar).

Thorvaldsen erfüllte den selbstbewufit vorgetragenen Wunsch seines Besuchers, und so wechselte einer der beiden kleinen, aus Gips gefertigten bozetti (Abb. 102) schon wenig später den Besitzer. Als Vermittler fungierte dabei offenbar der ebenfalls aus Leipzig stammende Thorvaldsen-Schüler Friedrich Funk (1804-1882), der zwischen 1832 und 1837 als Stipendiat König Antons von Sachsen in Rom arbeitete und den Gerhard noch kurz vor der Abreise nach Neapel in seinem Atelier besuchte. Ausschlaggebend für die groβzügige Geste des dänischen Bildhauers war die von Gerhard zusammengetragene Sammlung von Erinnerungsstücken, die das Leben und den tragischen Tod des am 19. Oktober 1813 beim Rückzug der französischen Armee in der Elster ertrunkenen Generals Józef Poniatowski dokumentierte und zu den besonderen Attraktionen des Gerhardschen Gartens gehörte. Das besagte Reiterstandbild, das angeblich unter schwierigsten Bedingungen und mit erheblichem Kostenaufwand nach Leipzig transportiert wurde, galt den Zeitgenossen als Urmodell. Im Rahmen der ebenso komplizierten wie langwierigen Entstehungsgeschichte des schlieβlich erst 1923 auf dem Sächsischen Platz inWarschau aufgestellten, im Dezember 1944 von deutschen Soldaten in Warschau gesprengten Monumentes markiert es eine entscheidende Phase, die zu erörtern hier freilich nicht der Ort ist. Erwähnt sei lediglich, daβ Thorvaldsen sich 1826, nachdem er seine Ideen zuvor in mehreren Zeichnungen fixiert und bereits mehrere bozetti und modelli geschaffen hatte, aus unbekannten Gründen von dem Entwurf des unruhig scheuenden Pferdes distanzierte und stattdessen einer statischen, antikisierenden Lösung den Vorzug gab, die den polnischen Feldherrn im Gewand eines Imperators auf einem kraftvoll schreitenden Pferd zeigt und Elemente der Reiterstatuen des Marcus Aurelius und der beiden Balbi im Museo Nazionale in Neapel vereint . Auf einem eigens angefertigten Sockel hatte Gerhard als Ausdruck seiner Verehrung Thorvaldsens die lateinische Inschrift “ALBERTI THORWALDSENII / PROPLASMA STATUAE COLOSSEAE / JOSEPHO PONIA- TOWSKIO PRINCIPI / DEDICATAE. / AMICITIAE MONUMENTUM / AB ARTIFICE INCLYTO ROMAE ACCEPTUM / GUILELMUS GERHARD / IN HORTOS SUOS DUCI FATALES LIPSIAM / RETULIT / AESTATE ANNI CIDIDCCCXXXIV.” anbringen lassen. Neben dem von Oeser ausgemalten Wohnhaus und dem Japanischen Pavillon gehörte das kleine Modell des Reiterstandbildes einst zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Gartenanlage. So findet es ausdrücklich Erwähnung in einer 1841 veröffentlichten Stadtbeschreibung Leipzigs und seiner Umgebungen, die zugleich einen wertvollen Hinweis auf den Aufstellungsort des kleinen Denkmals enthält. Tatsächlich befand es sich nämlich nicht, wie seit dem Erscheinen der Thorvaldsen-Biographie von Eugène Plon gelegentlich behauptet, unmittelbar im Uferbereich der Elster, wo Poniatowski der Überlieferung nach den Tod gefunden haben soll, sondern war in einem am Eingang in den Garten gelegenen, den Laren geweihten und mit der Inschrift Laribus geschmückten Pavilion zur Aufstellung gelangt. Obwohl von Thorvaldsen selbst nie als Sammlerstück konzipiert, wurde die Arbeit von den Zeitgenossen als autonomes Kunstwerk angesehen und erfreute sich groβer Wertschätzung. Umso bedauerlicher muβ der offensichtliche Verlust des kleinen bozetto erscheinen. Aus dem Besitz der Similde Gerhard gelangte das Gipsmodell zusammen mit dem Nachlaβ ihres Vaters in das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig, überstand dort zwar unversehrt den Zweiten Weltkrieg, ist gegenwärtig jedoch, nachdem es in den 6oer Jahren offenbar noch zur Sammlung gehörte, nicht auffindbar.

Ob Bertel Thorvaldsen, der nach der Besichtigung des Gerhardschen Gartens in das Hotel Stadt Hamburg zurückkehrte, auf dem Rückweg noch Gelegenheit fand, die “Ausstellung geschichtlich geordneter Werke der Kupferstecherkunst” des Leipziger Kunstvereins im Thomaskirchhof neben der alten Post zu besuchen, ist nicht bekannt. Mittags, nachdem er vor seiner Unterkunft von rund 1000 Studenten durch ein Gaudeamus und ein Lebehoch begrüβt worden war, führte Heinrich Brockhaus die Gesellschaft in den Gartensaal des Hotel de Saxe. Eine Anzahl Leipziger – achtzig Damen und Herren, wie es in den Zeitungsberichten der folgenden Tage heiβt, hatte sich hier zu einem eilig vorbereiteten Festmahl zu Ehren des angesehenen Bildhauers versammelt. Wilhelm Gerhard trug im Anschluβ an die Tischrede Seeburgs ein eigens auf den “Phidias unserer Zeit” gedichtetes Sonett (Abb. 104) vor, das wenige Tage später in der Leipziger Zeitung abgedruckt werden sollte. Klaviermusik von Mendelssohn Bartholdy zu Liedern der Sängerin Livia Frege bildete schliefilich den Höhe- punkt eines abwechslungsreichen musikalischen Programms, das Thorvaldsen, so berichtet es die Baronesse Stampe, zeitweilig selbst seine Zahnschmerzen vergessen lieβ. Am späten Nachmittag brach die Reisegesellschaft aus Dänemark nach Weimar auf. Angesichts der groβen Begeisterung, die Bertel Thorvaldsen in Leipzig zu wecken vermochte, liegt es nahe, abschlieβend die Frage nach den Folgen seines Besuchs in Kreisen jener Persönlichkeiten zu streifen, die als Privatsammler oder, wie Heinrich Brockhaus und Wilhelm Gerhard, als Förderer und aktive Mitglieder des am 9. November 1837 gegründeten Leipziger Kunstvereins regen Anteil am Kunstleben der Stadt nahmen.

Ganymedes med Jupiters ørn
Abb. 105. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Ganymed, den Adler tränkend, 1817. Marmor. Museum der bildenden Künste Leipzig. Inv. Nr. P 82.

In der Tat legen die ab 1838 mehr oder weniger regelmäβig veröffentlichten Berichte des Kunstvereins beredtes Zeugnis von der Wertschätzung Thorvaldsens ab. Allerdings waren es ausschlieβlich Kopien in Form von Gipsabgüssen, die ab 1849 entweder als Erwerbungen des Kunstvereins oder als Geschenke, unter anderem aus dem Besitz des Dr. A. L. Mothes sowie des General-Consuls Lorck, in das Leipziger Museum gelangten, darunter Abgüsse von Amor und Psyche und Amor mit der Leyer sowie eine stattliche Anzahl weiterer Gipsrepliken zeitberühmter Statuetten und Reliefs, über deren Verbleib heute nichts mehr bekannt ist. Erst im Jahr 1864 setzte sich eine Stifterin mit ihrer Schenkung ein Denkmal besonderer Art: Aus dem Nachlaβ ihres im gleichen Jahr verstorbenen Sohnes Gustav überlieβ Pauline Mende, geb. Thieriot, dem Museum mehrere Gemälde sowie eine qualitätvolle Fassung der Marmorplastik Ganymed, den Adler tränkend (Abb. 105) von Bertel Thorvaldsen. Wie Gustav Mende in den Besitz der heute in zwei verschiedenen Varianten und in mehreren Marmorfassungen in Kopenhagen (Thorvaldsens Museum), Minneapolis (The Minneapolis Institute of Art) und Kilbruddery House (Irland) bekannten Version der Gruppe gelangt war, läβt sich indes nur annähernd rekonstruieren. So überliefert der 1881 im Druck erschienene Katalog des Leipziger Museums, daβ sich die Arbeit früher unter den Dubletten des Thorvaldsen-Museums in Kopenhagen befand.

Sidst opdateret 11.05.2017