The Thorvaldsens Museum Archives

 
No. 8601 of 10243
Sender Date Recipient
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling [+]

Sender’s Location

München

Information on sender

Segl. Poststempel fra München og 20. Nov. Hamburg

15.11.1840 [+]

Dating based on

Dateringen fremgår af brevet.

C.R.W. Wiedemann [+]

Recipient’s Location

Kiel

Information on recipient

Udskrift: Seiner Hochwohlgeb. / dem Rdn. Dänischen Hrr / Etats-Rath und Professor / der Medicin / Dr. Wiedemann / in / Kiel / [Til højre:] pr Hamburg

Abstract

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M. 15. Nov. 1840.

Theuerste Schwägerin!

Bis jetzt ist keine Antwort von Thorwaldsen eingegangen. Ich weiß daß er nicht gern schreibt oder vielmehr mit der Feder wohl überhaupt nicht umgehen kann. In Rom hatte er immer einen Secretair und unterzeichnete bloß; die Hülfe fehlt ihm vielleicht auf dem Lande wo er sich jetzt aufhält. Ich bitte, ihn nicht mündlich drängen zu lassen, denn er wird leicht verdrießlich; sollte er im Laufe des Winters nicht antworten, so werde ich ihn wieder schreiben.

Sie haben ganz richtig errathen, daß ich diesen Herbst die Bekanntschaft Welckers aus Bonn machen würde. Er war aber nicht hier um nach Griechenland zu reisen, sondern um die neue große Sammlung gemalter Vasen zu studieren, welche hier seit einem Jahr sich aufgethan hat und für Kunst – u. Alterthumsforschen allerdings von höchster Interesse ist. Ich habe an ihn einen ungemein sanften, liebenswürdigen Mann gefunden, dessen Sitten und Charakter man liebgewinnt, während er durch Geist und Kenntnisse Achtung gebietet. Leider habe ich ihm aber nicht viel Freundschaftliches erweisen können und im Gedränge des Abschieds, obgleich ich wußte, daß er von hier nach Freiburg mußte, sogar unterlassen ihn zu bitten, Emma und ihren Gemahl herzlich von mir zu grüßen. Vielleicht sind Sie nun so gütig in einen der nächsten Briefe dieß zu ersetzen. Es ist unglaublich, in welcher Zerstreuung man sich hier gleichsam beständig befindet durch die vielen Ansprüche die an einen hier Lebenden theils am Ort und Stelle theils auch von Auswärtigen gemacht werden, und oft genug sehne ich mich in die Stille einer kleinen Universitätsstadt zurück, wenn ich gleich an der andern Seite die Vortheile einer Aufenthaltsorts wie der hiesige nicht verbanne. Wenn ich seiner Äußerungen mich recht erinnere, so dürfen wir hoffen, Welcker zum zweiten Mal hier zu sehen, denn er wird im nächsten Jahr die Reise nach Griechenland unternehmen und dabei wohl den Weg über München nehmen.

Da Sie so freundlich meiner Familie gedenken, so will ich Ihnen melden, daß meine in Paris gewesenen Tochter allerdings vorerst hier bleiben wird, und bis jetzt sogar mit ihren Kind bei uns im Hause lebt, da Ihr Mann Geschäfte halber nach Gotha gereist ist und vor december wohl nicht zurückkommen wird. Das Kind, höchst originell und feuriger als Deutschgeborne Kinder zu seyn pflegen, gereicht uns zur höchsten Freude und bei kräftiger Gesundheit zu immerwährenden Ergötzen, dagegen hat meine Frau der hiesigen Epidemie noch ihren Tribut bezahlen müssen und eine heftigen Anfall des tückischen Schleimfiebers, dennoch glücklich, überstanden, mein ältester Sohn hat in diesen Tagen das Glück gehabt zum ordentlichen Professor mit einer wenigstens ausreichenden Besoldung ernannt zu werden, auch war der Verlobte meiner zweiten Tochter einige Tage bei uns. Sie sehen, daß es an Freudiges und Betrübendes bei uns nicht gefehlt hat.

Möge der Winter Ihnen und Wiedemann im wenigsten erträglich seyn, besonders aber sein Leben auch länger, trotz der eingetretenen Schwäche, unter der treuen Pflege von Frau und Kindern gefristet werden.
Pauline freut sich jederzeit Ihrer Andenken und erwidert aufs herzlichste Ihre Grüße.

Erhalten Sie immer im freundlichen u. wohlwollenden Andenken

Ihren
treu anhänglichen
Schwager
Schelling

Archival Reference
m30 II, nr. 85
Last updated 10.05.2011 Print