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No. 3988 of 10246
Sender Date Recipient
Johann Wilhelm Braun [+]

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Rom

13.8.1826 [+]

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Dateringen fremgår af brevet.

Bertel Thorvaldsen [+]

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Rom

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Udskrift: A Monsieur / Monsieur

Abstract

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Abschied’s-Worte eines Narren,
als er von Rom ins Tollhauß abgehen
mußte.


Dem Meister u Freunde
der jungen Künstler in Rom

Hrn. Albrecht v. Thorwaldsen

in tiefster Verehrung gewidmet.
Rom vom 13ten August
1826.

Wilhelm Braun


Vorwort.

Begeistert von der Saiten allgewalltigen
Tönen
Ergreift ein resch unüberschwengliches Gefühl
Mein Innerstes, u was ich fühl’ ich muß es
sagen.
Allgewaltig ist die Musick, u leicht berührt
sie
Die weichste so, als wie die härt’ste Seele;
Sie fesselt die Vernunft, doch den Verstand
Lehrt sie mit Worten sich gleich kräftig
auszusprechen:
Und klug weis er was die Vernunft ge-
gründet,
Die Seele uns erleichternd, kühn zu
befestigen.


Verzeyht, wenn ich mit eiteln Klagen
In dießer froh gestimmten Stunde
Das Ohr Euch und das Herz verwunde!
Doch wird mir’s leichter es zu sagen.

Erlaubt! daß ich in Freundes Herzen
Von meinem Schmerzen etwas gieße;
Damit das Herz nicht überfließe
Vom allzufühlbar’n starken Schmerzen.

Wenn man so in vielen Jahren
im Gebiet der edlen Kunst
Manches schoene hat erfahren!
Und auf einmal wird’s zu Dunst!?

Alle Freyheit geht zu Grunde,
Alle Weisheit wird zum Wahn!
Ha! die furchtbar harte Stunde,
Sah ich stets mit Schrekken nah’n.

Und nun ist auch sie gekommen,
Wie ein Strudel reißt’s mich fort:
Wie bekommen, so genommen,
Bleibt nichts als das leere Wort.

(geht in Raserey über.)
Denn das schreckliche Braußen –
Und das ewige furchtbare Saußen,
Das im Gehirn, im verworrenen b[ew]üthtet,
Tolle Gedanken u Pläne aus brütet: –
Alles verdirbt, u nichts Gutes schaffet;
Wenn man nichts sieht, u doch alles begaffet,
Diß zeugt von der Umgebung der bößen
Gestirne,
Und der Wahnsinn, er tobt im Gehirne

(singt.)

Eben deßwegen
Denke man stets,
Ist man verlegen;
Leider so geht’s

Anders auf Erden
Kann es nicht seyn,
Und die Beschwerden
Tödtet im Wein.

(etwas ruhiger)

Zuruck nun zu kehren
In den Winkel der Krähen!
Zu Vettern u Baaßen,
Die immer geschwätzig
Die Zunge ermüdend,
Das Ohr nur zerschneiden.

Und auf das ewige alberne sinnlose Fragen,
Soll man die passende Antwort drauf
sagen.
Wem es zur Gewohnheit, sich in freyeren
Kreiße zu drehen.
Kann nimmermehr im engere Cirkel sich
sehen.

So im Gebiete
Der freyen Künste
Und auch des Wissens,
Soll man dem recht thun
Dessen Aug höret,
Dessen Ohr siehet;
Und glaubst du im Ernst dann das Wahre
zu künden,
So wird man absprechend u lästig dich finden.
Soll die Kunst, die bildende, sich zeigen in
ihrem ganzen Vermögen,
So must sie in ihrer freyen Kraft sich bewegen.

Der nichts verstehet
Der will dich lehren
Lebende Puppen
Sollst du verehren:
Wie soll man sich fassen
Das Wahre verlassen,
Wer kann sich schmiegen
Und sich fügen
In der Räthe unrathsamen Rath?
Kräftig ist das Wort, aber mächtig ist die That.

(wird wieder toller)

Und von England
Bringt man Messer,
Um die Teutschen
Zu rasiren.
Und von Frankreich
Bunte Kleider;

Und von Rußland
Dikke Pelze:
Daß der Geist nicht
Ganz erfriere.
Alles liebt man
Nur nichts teutsches,
Weil das teutsche tüchtig ist.

(außer sich)
Im engen Rockke kann das Herz nicht frey sich
regen,
Mit dem Bart geht aller Charakter, alles
Ausdruck fort:
Unter’m drükkenden Hut kann die Stirn’ nicht
in Falten sich legen,
Es erstirbt im geschnürten Halße das kräftige
Wort.
– – – – – – [Acke].
(ganz verrükt.)(singt)
D’rum geh’ ich nimmer heim, biß daß in Rom es
g’friert u schneit,
D’rum geh’ ich nimmer heim, biß daß es g’friert
u schneyt!

Wie, was war das! wer spricht vom bleiben?
Wer hält mich zurück? Bist du es edle
Kunst! – seyd ihr’s ihr Ueberreste großer
Zeiten! – bist du es schwarzgelokte
Sirene mit dem schöngeformten Nakken! –
Bist du es herrliche Natur; seyd ihr’s ihr
Gebirge, ihr großartigen Fläcchen! Wer
will zurük mich helten? Fliehet es
Laßt mich fliehen, ich habe nichts mehr mit
euch gemein.
(singt.)
Drum schlag ich Rom mir aus dem Sinn
Und wende mich nach Stuttgart hin.
Es, es, es, es muß doch einmal seyn,
Drum, drum, drum pfeif ich in alles nein.
(mit ironie.)
Was ist dann hier auch weiters schön?
Mann muß vor Hitz ja fast vergehn.

(wieder etwas ruhiger.)
Wie die Hitze des Sommers
Den Menschen entkräftet!
Früh oder später
Wird es sich zeigen,
Ob nord’sche Kraft ihn
Aufrecht erhalten.
Dann wird den milden Winter er fühlen,
Es wird die stärkere Hitze ihn kühlen.

Ja, alle Geisteskraft
Frißt der Scirocco;
Indessen Rechenschaft
Per un bajocco
Werde ich geben
Für’s römische Leben.

Aber wie! wenn das Glück dir
Unhold, ungnädig ist
Kannst du auch trotzen?
Wenn mitten im Hafen
Dein Schifflein zerschellt
Kannst du auch schwimmen
Hast du’s gelernt?

Ha! ha ha! ha! ha ha
Ich geh nicht auf’s Waßer,
Es hat keine Balken,
Ich bleib auf dem Land.

Auch da weh’n die Stürme
Es stürzen von Dächern
Die Ziegel herab.

Nicht nur in Städten
Lebet die Kunst,
Auch in Wäldern
Kann sie gedeyhn.

Da stürzen die Bäume,
Nimm dich in Acht
Auch hier ist Gefahr.

So geh ich in’s Feld’naus
In’s offne in’s freye
Und juble gen Himmel

Dort schneidet die Kälte
Und brennet die Sonne.
Wo bleibt dein Verstand?

(singt)
Eben deßwegen
Denke man stets
Ist man verlegen
Leider so geht’s

Anders auf Erden
Kann es nicht seyn
Und die Beschwerden
Tödtet im Wein.

(kommt wieder zu sich!)
Verzeyht! ich war im Augenblick
Ich fühl’s, ich war von Sinnen,
D’rum nehm’ ich jedes Wort zurück
Und will nur Eins Euch nennen.

Diß eine aber glaubt es geht,
Bey Gott, es geht von Herzen
Wenn Ihr auch keine Thränen seht
Es macht mir dennoch Schmerzen.

Diß eine Wort kommt auch an Euch
Gescheht es auch nicht jetzo gleich,
Ihr könnt Euch d’rauf bereiten!
Diß Donner Wort heißt – scheiden.

Toast

Herr Nachbar, so wollen wir denn uns nicht lang
mehr bedenken,
Die Gesundheit unßeren Freunde zu trinken;
Und wollen die Gläslein bescheiden erheben:
Auf’s Wohlseyn, Ihr Herrn, wünsch recht wohl
zu leben.

Wilhelm Braun

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m32, nr. 32
Last updated 10.05.2011 Print