The Thorvaldsens Museum Archives

 
No. 9532 of 10185
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J.L. Heiberg 9.4.1844 [+]

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Dateringen fremgår af dokumentet.

Omnes
Abstract

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Thorwaldsen.

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Prolog
bei der
Trauerfeier des Königlichen Theaters
zu Kopenhagen
am 9. April 1844.
–––––––––
 
Von

J.L. Heiberg
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(Aus dem Dänischen.)
Kiel.
In Commission in der Schwers’schen Buchhandlung.
1844.


Die Trauer, welche Dänmark tief im Herzen
Bei seines weitberühmten Sohnes Tode trägt,
Schon hat in Wort und Ton sich kundgegeben,
Wie in des Herrn Tempel so in der Künste Hallen.
Doch des Ausspruchs sie auch hier verharret;
Denn keine Kunst der Musen kann es geben,
Die beim gemeinsam‘ Schmerz gefühllos blieb’,
Fortsetzend ungestört ihr Treiben,
Als hab’ Alltägliches sich nur ereignet.
Und Keiner wird dem gleichen wollen,
Der ungerührt beim Balders Scheiden stand,
Indeß Natur und Menschen weinten.
Ja sichtbar grade hier ist der Verlust,
Denn hier die edele Gestalt so manchen Abend
Gesehen ward; jetzt leer steht seine Stätte,
Von Trauerflor umhüllt, und nimmermehr wir schauen
An unsres Holbergs Laune ihn sich weiden;
Vielleicht in der Unsterblichkeit Gebiete
Die Hand er reichet ihm, mit solchen Worten:
„Auch Du Bildhauer warst, auch Du
Menschen geschaffen mit der Feder Meißel.” —

Sieh’ Kopenhagen seine stille Woche
Hat jüngst gehabt, und an die ernste Kirchenfeier
Sich schlost ob ihres Meisters Tod die Trauer.
Doch hat gefeiert auch ihr Fest die Auferstehung,
In deren Hoffnung der Entschlafne ruht;
Laß diesen Tag geweiht sein noch der Trauer,
Der öffentlichen Trauer, von Jeglichem getheilt.
Musik verstummt, Gesang soll nicht ertönen,
Der ist zu weich für diesen Marmorschmerz;
Vernommen wird nur heut’ das Wort, das ernste,
Wie Felsgestein es spricht, dem Rede er verlieh.
Denn tief und dumpf nur ist der Meißel Ruf,
Erklinget wie der Ewigkeiten Glocke,
Vernehmbar nicht in dem Gewühl des Lebens;
Einschmeichelnd nicht dem Ohre sich
Wie liebliche Musik, wie Farbenpracht dem Auge;
Nein unbeweglich steht das Marmorbild:
„Komm — spricht es — Du zu mir, wenn Du vermagst;
Denn Dir entgegen keinen Schritt ich thue.”
Und diese kalte, diese strenge Schönheit,
So schwierig zu erfassen wie der Felsengipsel,
Hat also, Dänenvolk, jetzt Dich ergriffen,
Und in der reinen Formen Reich geleitet,
Wo die Gestalten steh’n wie ruhige Gedanken,
Entkleidet ird’scher Tracht und irdischen Verlangens? —

O nein, mein Volk, die Gegenwart und Zukunft
Sich lange Dir muß tauchen in dies Bad,
Bevor zu solchem Anblick reinigt sich die Seele.
Doch ist geweckt die Ahnung Dir durch Ihn,
Der ihr den Windeln entfaltete die Schwingen,
So wie der Psyche; ja durch ihn gekräftigt
Zu seiner Götterwelt sie werden sich erheben.
Schon schimmem in des Nordens dichtem Nebel
Die Schönheits-Ideale, die der Süden lange,
Begünstigt von des Himmels reinem Licht,
Bewundernd sah in sonnigen Contouren.
Denn dieser Genius, geboren unter uns,
Gestorben unter uns, der Welt gehörte,
Bevor das Vaterland ihn nannte Sein.
Ein Glanz so blendend und so rein
Umstrahlte ihn, es war Europas Kranz,
Der sich aus seinen Silberlocken wiegte;
Und Kranz und Locken Ehrfurcht boten
Auch dem, der seinen Werth erfaßte nicht.
Die Weltberühmtheit ist ein Zauberwort,
Es wirkt geheim, es wirkt unwiderstehlich;
Und wahrlich es verdienet seine Macht,
Wenn es in großen Werken sich begründet.
Und sich die weite Welt bezwungen hat.
Wohl zählet Dänmark andre schöne Namen,
Nicht minder als der sein’ge Dankes werth;
Doch ist des kleinen Volkes eng begränzte Sprache
Nicht die des stolzen Marmorbilds;
Es spricht der weiten Welten Zunge;
Sein Vaterland nicht hier ist oder dort,
Nein überall, wo Kunst sich offenbaret.
Als Holberg starb, da flossen Dänmarks Zähren;
Doch es beweinte nur den eigenen Verlust:

Hier hat der ganzen Welt Verlust es zu beweinen;
Den es verlor, es war der eigne Bürger:
Hier ward geboren er und starb, hier schenket
Ihm letzte Ruh’ die mütterliche Erde.
Drum ward Triumphzug ihm der Leichenzug
Nicht bloß in unserm, nein im Namen von Europa.
Doch Dänmark ihm zunächst ging als Verwandter,
Die Trauer hundertfach vermehrt empfindend,
Die ihm die ganze Welt zu tragen auferlegt.

Doch diesen herben Tod am tiefsten fühlest
Du, Kopenhagen, der Du ihn besaßt,
Und täglich schautest ihn auf Markt und Straße.
Hast Du bedacht denn auch, was Du verlierest
Am Anblick dieser herrlichen Figur,
So plastisch wie die eignen Götterbilder?
Hast Du bemerkt, daß, wo er auch sich zeigte
Im Volksgewühl, zur Seite wich ein Jeder,
Selbst unbewußt beherrscht von heil’ger Scheu?
Daß altgewohntes Treiben, Leidenschaft und Roheit,
Wo er erschien, verstummend ihm sich beugten?
Ist Dir geblieben jemand noch zurücke,
Der Dich erweicht durch die Persönlichkeit?
Ach nein, der Einzigste, so hoch gestellet,
Daß unangreifbar seine Stellung war,
Ein Gott, ein Held, von dessen Marmorseiten
Entkräftet sank der Pfeile Schärfe,
Die Eigendünkel sonst und die Verläumdung
Dem Besten selbst zu senden stets bereit, —
Der ist dahin, nicht langer Deinem Auge
Vorschwebt ein Ideal, ein anerkanntes,
Für Deine Ehrfurcht Dir ein leitendes Gestirn,
Als Ruhepunkt dem Suchen nach der Größe.
Leer ist der Platz, dem Einer nur gewachsen;
Ja schmerzlich wirst die Leere Du empfinden,
Und lange beim Gedanken Dich besinnen,
Wenn er erwacht: „Thorwaldsen ist dahin!”
Und grad’ in diesen Hallen, nur geweiht der Freude,
Der Freude an dem Schönen, der Musen Kunst,
Das Schicksal wollte, jener Schönheitsbildner
Aushauchen sollt’ den letzten Lebensseufzer,
Ein Trauerhaus der Freude Tempel werden.
O Dänenbühne, kannst Du ihn verwinden
Den Eindruck, den Dir diese Anblick bot?
Kann der Thalia Spiegel ihre Larve
Vertauschen mit der Melpomene Dolch?
Wird nicht, wenn rauschend ausbricht das Gelächter,
Ertönen leis’ ein Trauer Wiederklang,
Von jenen Mauern Mitgefühls Geflüster,
Den Zeugen jenes harten Schicksals-Schlags?

Doch starb er, wie Er sterben mußte,
Nicht überlebend eigne Kraft,
In voller Wirksamkeit und ungeschwächet,
In Künstler Jugend, noch mit scharfem Blick,
Mit sichrer Hand, schied er von hinnen,
Selbst Sieger zu den Sieges-Göttern.
Gewahrt der ungeahnd’ten Trauer freien Lauf,
Bis in sich selbst sie fühlet sich ermattet;
Erinnernd wird die Zeit einst nur gedenken
Des Glänzenden, das seinen Tod gestempelt,
Wie es gestempelt ihm das Leben, seine Werke;
Die Welt in Allem mußt’ er überraschen,
Und selbst sein Tod wie einst sein Jason überraschte,
Sein erstes Werk, bewundernd angestaunt.

Doch schwach nur ist das Lob, den das Erstaunen zollt
Dem Großen; kalt nur ist es, leicht vorübereilend;
Hingeben thut sich ganz die Liebe nur,
Ausdauernd treu, trotz neuer Zeiten Wechsel.
Mit ihr des Hingeschiednen wir gedenken,
Ja, was ihn überlebt, der großen Werke,
Die stets in unvergänglich frischer Jugend
Den künst‘gen Geschlechtern sich vererben.
Schon diese Schätze Dännemark gehören,
Doch ihnen mehr noch wird gehören Dännemark,
Mit inn’ger Liebe sie sich erst aneignen,
Der Liebe, deren Zeichen ganz Hingebung,
Ein gänzlich Sich-Verlieren in ihren Gegenstand.
In der Betrachtung dieser himmlischen Gestalten
Den Sinn und ganzes Sein wir läutern uns sollen,
Und der Gedanken Flug vom Niedrigen befreien.
Dann wandelt unter uns annoch des Edlen Geist,
Und wird der Zeiten Griffel von uns zeugen:
Mit Thorwaldsen zu leben wir würdig uns gezeigt
Auch würdig Seinem Tod zu weihen unsre Thrän’.

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General Comment

Denne prolog er en trykt udgave og udkom i et hæfte. Prologen er også at finde på dansk i arkivet.

Archival Reference
M16,17 (Thorvaldsens Museums Småtryk-Samling 1844)
Subjects
Poems on Works of Thorvaldsen · Poems for Thorvaldsen · Idolizing Thorvaldsen · Thorvaldsen and Theater · Thorvaldsen's Death
Persons
Bertel Thorvaldsen
Works
Last updated 19.10.2014 Print