The Thorvaldsens Museum Archives

 
No. 6916 of 10181
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NN 30.11.1836 [+]

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Omnes
Abstract

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Albrecht Dürers Denkmal in Nürnberg.

Ein Korrespondenzartikel in der Allg. Ztg. vom 26 Okt., veranlaßt durch das von Rauch in Berlin gefertigte Modell eines Standbildes Dürers, hat mehrere Reklamationen hervorgerufen. Die eine, enthalten in einem Schreiben aus Rom, das wir schon neulich mittheilten, vertritt Thorwaldsens Namen und Verdienst gegen einige in jenes Schreiben eingeschlüpfte feindselige Bemerkungen. Eine zweite Reklamation enthält die Nürnberger Zeitung, und eine dritte kam uns dieser Tage von einem Verein von Künstlern aus Rom zu. Verlassen beide in abgekürzter Fassung folgen. ‒ Wenn ein Laie in das Atelier eines unserer großen Künstler tritt, so wirft der Enthusiasmus, den das vor den Augen Gegenwärtige in ihm Hervorruft, leicht so ausschließlich in ihm, daß die Sprache, mit welcher er seine Erinnerungen wiedergibt, fast stets die Sprache der Uebertreibung ist, welche weder Rüksichten kennt, noch neben oder gar über jenem Künstler irgend etwas mehr anerkennt. Noch ist die Kunst so wenig heimisch in unserm deutschen Vaterlande, daß wir erst sehen lernen, und so erst allmählich Maaßstäbe gewinnen müssen. Indessen sollten sich die Künstler über die Mangelhaftigkeit der sogenannten Kunstkritik nicht so sehr ereifern. Jener einseitige Enthusiasmus, welchem vor dem, was er gerade sieht, alles Andere verschwindet, ist doch auch ein Enthusiasmus, wenn auch bei dem Urtheil eine Ungerechtigkeit mitunterläuft, die indeß kein nachhaltiges Unheil bringt, da das überflüssige Wort so leicht verrauscht, während das Werk des Künstlers stehen bleibt, und durch Jahrhunderte fort in seinem stillen Ernste wirkt. Der deutschen Poesie ist es auch nicht anders ergangen, und sie hat sich dennoch herrliche Bahn gebrochen. Wenn der Künstlerunmuth schon so weit ging, sich alles Schreiben über die Kunst zu verbitten, so that er also gewiß Unrecht, denn wenn die Kunst sich nicht vom Leben isoliren läßt, so läßt sie sich eben so wenig von Wissenschaft und Litteratur isoliren, und bleibt folglich den guten wie den schlechten Bedingungen dieser leztern mit unterworfen. Zu was eine solche Trennung von den andern Geistesströmungen, die durch ein Volk gehen, führe, haben manche Verirrungen in früherer wie in neuerer Kunst sattsam gezeigt. ‒ So festbegründet die Tempel der Kunst zu stehen scheinen, so hell ihre Farben von Wand und Deke schimmern, so gibt uns doch die Kunst des Alterthums eine ernste Lehre: von allen ihren Schäzen sind nur einige halberhaltene Statuen und da und dort ein paar Säulenreste auf uns gekommen, und auch diese werden, wenn neue Stürme kommen, nach einigen Jahrhunderten vielleicht der Zeit vollends zum Raube dahingesunken seyn: während die Geisteswerke der Alten unversehrt, gleich ewigen Leuchten, durch alle Zeiten und Geschlechter wandeln, die Freiheit verkündend und die Menschenwürde. Ist kein Stein, kein Farbenton mehr übrig, der von den schönen Tagen Roms und Athens spräche, so wird in den Schriften der Alten ihre Kunst wie in einem unvergänglichen Spiegelbild erhalten seyn, bereit, sich immer neu zu verjüngen. Darum achte und Pflege man den Geist, denn er soll Zeugniß geben von unserm Jahrhundert, wenn längst alle anderen Zeugen verfallen und vermummt sind; darum achte besonders die Kunst auf den Geist der Wissenschaft und Posie, und gehe Hand in Hand mit ihm vorwärts, nicht rükwärts, denn manches Bild wird erloschen seyn, manche Statue in Trümmer liegen, während ein Lied, in stiller Nacht gedichtet, eine Rede, in einsamer Brust des unabhängigen Denkers entsprungen, forttönen wird von Geschlecht zu Geschlecht, die kommen werden, an des Geistes unversieglichem Born zu schöpfen. Betrachtungen dieser Art sind es, die uns von den Ergüssen der erwähnten Künstler-Reklamation aus Rom Manches streichen ließen, da auch der Künstler, wenn er in diese Schranken tritt, das Gesez anerkennen muß, das innerhalb derselben gebietet. Albert Thorwaldsens Ruhm steht so hoch und unantastbar, daß wir nichts dazu beitragen könnten, weder ihn zu schmälern noch zu erhöhen; desto bereitwilliger nehmen wir aber Alles auf, was zur Beseitigung einiger Mißverständnisse dienen kan, wobei wir nur noch beifügen, daß Hr. Prof. Rauch in Berlin jenem angefochtenen Aufsaze ganz fremd ist. Mittlerweile steht Dürers Geist, um dessen Standbild all dieser Hader sich entspann, lächelnd darauf herab, wie Achill auf den Kampf um seine Waffen.

Die erwähnte Reklamation aus Nürnberg, die, wie wir wissen, aus bester Quelle kommt, sagt im Wesentlichen: „Das Schreiben d. d. Berlin, 20 Oktober, bricht das öffentliche Schweigen über die Errichtung des Standbildes für Albrecht Dürer, aber in einer Weise, daß es das Ansehen gewinnt, als wären diejenigen, welche diese seit dem 24 August 1833 blos in den Händen des Hrn. Professors Rauch ruhende Angelegenheit bei demselben in Erinnerung brachten, und noch überdis hiebet auf speziellen allerhöchsten Befehl handelten, ihm eine Abbitte dafür schuldig, daß sie aus Rüksicht auf seine übrigen vielfachen Arbeiten nicht eher mahnten, ein gegebenes Wort zu erfüllen. Hr. Professor Rauch zeigte nach Ablauf eines siebenzehnmonatlichen Zeitraums am 7 April 1835 hieher an, daß er hoffe das Gypsmodell zum Standbild bis zum 1 Mai 1836 beendigt zu haben; am 16 Mai, aber erst auf vorhergegangene Erinnerung, wiederholte er die Hofnung, das Modell am Schlüsse des Sommers vollendet zu haben, schwächte jedoch diese Hofnung gleich wieder dadurch, daß er Aenderungen in der Bewegung des rechten Arms Dürers vorschlug, woraus deutlich hervorging, wie wenig die Arbeit selbst vorgeschritten, und wie viel zu thun noch übrig sey. Die Besteller des Kunstwerks fanden in dieser Lage der Sache um so mehr die dringendste Veranlassung, allerhöchsten Orts Anträge zu stellen, welche auf die Beschleunigung dieser Angelegenheit gerichtet waren, je mehr sie von verschiedenen äußern Seiten gedrängt wurden, und daher Gefahr liefen, außer dem allerhöchsten Unwillen auch noch die Mißbilligung der deutschen Kunstwelt zu erregen, welche die Zögerungen Rauchs nicht mit der schonenden Nachsicht des königlichen Herrn ansah. Die Folge hievon war, daß auf allerhöchsten Befehl Hrn. Prof. Rauch in den bestimmtesten Ausdrüken aufgetragen wurde, das Modell bis lezten August hieher zu übersenden, und erst auf die weitere Zusicherung Rauchs vom l7 Julius, innerhalb fünf bis sechs Monaten das Werk zu vollenden, wurde ihm auf besonderen königlichen Befehl eröfnet, daß die Uebersendung desselben bis zum lezten December l. J. gewärtiget werde. Jedenfalls kan versichert werden, daß in keiner Erinnerung die den hohen Verdiensten und dem Künftlerruhme Rauchs gebührende Achtung auch nur entfernt verlezt wurde. Unsere Freude, nun endlich das Werk in der des Meisters würdigen Vollendung nächstens zu erhalten, würde inzwischen der Verfasser des genannten Schreibens durch die Ausfälle auf die Kunst der Rothgießerei in Nürnberg sehr zu mäßigen vermocht haben, wenn wir so wenig, als er, davon unterrichtet waren, daß dieselbe in Nürnberg nicht blos traditionell, sondern virtuell sich erhalten hat. Ihm scheint es überhaupt unbekannt, daß die Kunst in ihrer weitesten Bedeutung in Nürnberg nach wie vor heimisch ist, und daß die Kunstschule wie die Ateliers der Künstler auf der einen, die technischen Schulen auf der andern Seite sich bestreben, dort tüchtige Künstler, hier tüchtige Techniker zu bilden. Zur Bildung solcher Techniker gehört vorzugsweise der Unterricht in der Kunst zu formen, zu gießen und zu ciseliren, und der Sinn hiefür lebt in den Köpfen einer Menge junger Meister und Gesellen, welche durch Verschmelzung der Wissenschaft mit der Praris gelernt haben, ihren Erzeugnissen reine und gefällige Formen einzuhauchen. Diese Kunst nun noch auf größere Werke anzuwenden, und dadurch zu zeigen, daß Peter Vischers Geist in seinen Enkeln nicht erloschen sey, dazu bedürfte es nur noch einer großen Gießhütte und der Einrichtung mechanischer Werkstätten. Dis alles ist jezt vorhanden, und die polytechnische Schule glüht mit ihrem Inspektor, mit ihren Lehrern, Meistern und Gesellen vor Verlangen nach dem Augenblik, der ihr das hohe Kunstwerk Rauchs zur würdigen Vollendung in Erz übergeben wird. . . . Wenn aber menschliche Vorsicht und Geschiklichkeit dennoch den Erfolg nicht belohnen sollten, dann wird auch die Stadt, welche in Deutschland das erste Monument einem deutschen Künstler sezte, die Kosten eines zweiten Modells nicht scheuen, und den Künstler zu finden wissen, der, an Größe Rauch nicht nachstehend, dasselbe ihr schaffen wird.”

In der Zuschrift der Künstler in Rom heißt es im Wesentlichen: „Ohne uns in eine ausführliche Erörterung einzulassen, schreiten wir, die hier anwesenden Künstler, sogleich zur Hauptsache, nemlich zur Erklärung, daß die in dem oben benannten Aufsaz enthaltenen Ausfälle auf einen der verehrtesten Meister unserer und jeder Zeit, auf Albert Thorwaldsen, uns insgesamt auf das tiefste empört haben. Wenn etwas in unserer Zeit fabrikmäßig betrieben wird, so sind es die Kunstkritiken. Sie sind ein modernes Unwesen. . . . . Daß der Korrespondent eins geistlose Parallele zieht zwischen zwei geschäzten Künstlern, welche er beide nicht zu würdigen versteht, ist daher nicht besonders zu beachten; daß er aber einen genialen, liebenswürdigen Meister nur dann gehörig zu feiern vermeynt, wenn er vorher einem Andern den Lorbeer zu entblättern sucht, das verdient eine ernstere Rüge. ‒ Um Thorwaldsens Thätigkeit zu beurtheilen, bedarf es nur eines Bliks in eine seiner Werkstätten. Wer erstaunt da nicht über die Fülle des Reichthums, der seinem Geist entquoll, und wer muß da nicht bekennen, daß er sich in dem Schöpfungskreise eines großartigen, wahrhaftigen Künstlers befinde, dessen Kraft sich noch jugendlich frisch, und daher in ihrer Aeußerung noch nirgends weder eine Schwäche noch eine Gränze zeige. Wenn jener reserirt, daß Thorwaldsen Größeres nie mehr arbeite, so muß man hier über diese Behauptung erstaunen, wenn man sich nur an das Modell der kolossalen Reiterstatue erinnert, welche erst kürzlich dessen Studio verließ, und woran bei der Ausführung seiner Skizze an der Hauptaufgabe, an dem Kopfe derselben, der Meister selbst besonders thätig war. Wir wollen anders große Werke, die in neuester Zeit durch ihn entstanden sind, gar nicht erwähnen. Doch was versteht überhaupt der Schreiber unter Größeres? Muß vielleicht das Kunstwerk mit der Elle gemessen werden, um die Künstlergröße darnach berechnen zu können? Gleich unvorsichtig ist der Korrespondent bei seinen Vergleichen mit den Antiken zu Werke gegangen. Betrachtet der gebildete Kenner nur Thorwaldsens erstes Werk, den Heroen Jason, so muß er sagen, daß der Schöpfer davon schon in frühester Jugend die Erhabenheit der Antike richtig erfaßte. Schreitet dieser nun von Werken zu Werken, die ihre Vollendung sowol im Nakten als in der Gewandung zeigen, ja, verweilt er hierauf nur vor dem Triumphzuge Alexanders, so wird er schon allein dadurch zu dem Bekenntnisse genöthigt werden, daß vielleicht Jahrhunderte vergehen können, bis die Antike wieder mit diesem Geiste, mit dieser Universalität des Genie’s aufgefaßt werden wird. Wer es weiß, wie angelegen noch dieser greife, würdige Bildner sich seinem Künstlerberufe weiht, der könnte diese Ausdrüke, nemlich daß Thorwaldsen seine großen Bestellungen nur noch fabrikmäßig abfertige, Undank der Welt nennen; doch glüklicherweise, wenn man bedenkt, daß es ein Sternchen aus weiter Ferne berichtet, der von Thorwaldsens Wirken in Rom keine Kenntniß haben kan, so kan man sich beruhigen, neben dem Klange des in Europa gefeierten Namens solche Mißtöne zu hören. Nennt er es nur fabrikmäßig, weil die Schöpfungen des Meisters mit Gewandtheit und Leichtigkeit entstehen, so waren freilich die meisten der bedeutendsten Künstler nur Fabrikanten. Oder deshalb, weil die Schüler, unter seiner Leitung, an seinen Werken und nach seinen Entwürfen arbeiten ? Ja! dann waren auch, ohne andere Meister zu nennen, Raphael und Rubens weiter nichts Anderes als Fabrikanten, und selbst der Sculptor, welchem der Korrespondent seine Huldigung zu bringen glaubt, wäre darunter begriffen. Der große Fürst aber, den wir alle kennen und verehren, und der, wie der Korrespondent spricht, groß genug ist, um vergangene menschliche Größe erhaben zu ehren, demselben ist auch die Künstlergröße genau bekannt, und würde daher, auf die Vollendung der, oben erwähnten, kolossalen Reiterstatue, nicht mit den huldvollsten Ausdrüken der Zufriedenheit den Meister erfreut haben, wenn das Kunstwerk (oder die große Bestellung) nur fabrikmäßig wäre abgefertigt gewesen. Was nun den blauen Stein betrift, so ist weiter nichts zu erwähnen, als daß derselbe so gut ein Marmor ist, wie der andere, und daß der Korrespondent in den Werkstätten von Marmorarbeitern hätte erfahren können, daß man nichts davon wisse, daß der blaue (sollte heißen der Marmor von einem grauen Tone) dem Meißel zugängliches und daher leichter zu behandeln wäre, als der andere. Im Gegentheil, es läßt sich, gerade seiner Harte wegen, darin schärfer und bestimmender arbeiten, und er wird deshalb bei Gegenständen, welche diese Eigenschaft verlangen, vorgezogen. Uebrigens wenn es auf die Härte des Steins ankäme und blos auf die schwierigere Behandlung des Materials, so wäre eine Arbeit in Porphyr wohl ein größeres Kunstwerk als eins in Marmor, und ein Steinmez, der darin arbeitete, größer als der Meister, der das Vorbild dazu geschaffen. Bestände endlich der Sieg blos in der Farbe des Marmors, so wäre eine Schmeichelei darüber eben nicht sehr gesucht, denn alsdann könnte der erste beste Arbeiter, der ein Modell ordentlich zu kopiren versteht, mit dem größten Künstler konkurriren. Er hätte nur darauf zu sehen, daß sein Marmor der weißere wäre. Thorwaldsen verwendet jedoch diesen Marmor hauptsächlich nur zu großen Monumenten, und zwar auch aus dem zu bemerkenden Grunde, weil der weiße sehr schwer in großen Stüken flekenlos zu finden ist. Seine Statuen dagegen werden ebenfalls alle in weißern Marmorarten ausgeführt, wodurch schon von vornherein der Berichterstatter widerlegt ist. So viel über diesen Marmor, welchen er nur einen blauen Stein nennt.”

General Comment

Denne tekst blev trykt i Außerordentliche Beilage zur Allgemeinen Zeitung, Nro. 570 und 571. 1836.

Archival Reference
Thorvaldsens Museums Småtryk-Samling 1836, Allgemeinen Zeitung 30.11.
Subjects
Marble Carving · Thorvalden's Assistants · Thorvaldsen's Workshop Practice
Persons
Bertel Thorvaldsen
Works
Last updated 15.09.2014 Print